Das Rezept für Freiheit
Fortsetzung des Artikels von Elisabeth D.
Als wir uns auf die Suche nach dem speziellen Maismehl machten und im Supermarkt keines fanden, zeigte sich, dass Essen mehr als bloße Nahrung ist. Es ist Erinnerung, Heimat und Identität. Wenn Menschen Grenzen überschreiten, sei es für einen Austausch, eine Flucht oder ein neues Leben, wird aus der Sehnsucht nach vertrauten Geschmäckern ein Symbol für das Streben nach Freiheit.
Wer in ein neues Land kommt, erlebt viele Veränderungen. Nicht nur Sprache oder Wetter, auch der Geschmack des Alltags ändert sich. Plötzlich stehen andere Grundzutaten im Zentrum, andere oft fremde Gewürze, andere Zubereitungsarten, die man für sich entdeckt. Experten nennen das: diätetische Akkulturation. Die Anpassung an neue Essgewohnheiten vollzieht sich aufgrund unterschiedlicher Techniken, Klimazonen und Hauptgetreide. Importierte Lebensmittel sind teuer, verstecken sich in spezialisierten Geschäften oder tauchen gar nicht erst auf. Für viele wird der Versuch, den Geschmack der Heimat zu bewahren, zu einer Frage von Zeit, Geld und Zugänglichkeit. Wer es sich leisten kann, holt sich die Welt in die Küche und kocht dagegen an. Doch wer die Mittel dafür nicht hat, macht Kompromisse und verwendet Weizenmehl, wenn jenes aus Mais ein Phantom bleibt. Weizentortillas werden vor allem im mexikanischen Norden und von der mexikanischen Diaspora in den USA verzehrt.
So entschieden wir uns für Weizen als Grundlage und machten Salsa und Füllung aus Verfügbarem. Es war nicht dasselbe, aber ähnlich genug, um daran zu erinnern. Wir wurden kreativ und improvisierten und aus dem Mangel entstand etwas Neues. Dieses Phänomen nennt man Fusion, die Verschmelzung verschiedener Dinge zu Neuem. In der Küche beschreibt man so das Vermischen verschiedener Traditionen, Techniken und Zutaten zu einem ganz eigenen Stil. Kulinarische Fusion begegnet uns ständig, meist so selbstverständlich, dass sie gar nicht mehr auffällt. Denn die Unterschiede ergänzen sich oft problemlos. Die Currywurst etwa, dieses typisch-deutsch anmutende Imbissgericht vereint deutsche Wurst, amerikanischen Ketchup und Currypulver. Ein Gewürz, das selbst Ergebnis kolonialer Fusion indischer und britischer Küche ist. Vielfalt auf einem Teller ist nicht selten fast schon banal und doch erzählt sie leise Geschichten von Migration, Grenzen und deren Überwinden.
Unsere Tacos, also die gefüllten Tortillas, wurden jedes Mal anders. Wir befüllten sie mit dem, was gerade da war. Jede Kombination war neu, anders, spannend. Jeder trug etwas bei, ein Stück Heimat, eine Idee oder einen Geschmack, und daraus erschufen wir etwas Neues, das es vorher nicht gab. Aus unserem Abendbrot wurde ein Gemeinschaftsprojekt.
Und genau dann, zu Tisch, schmeckte es nach Freiheit. Nicht, weil wir das Original perfekt reproduzieren konnten, sondern weil wir uns die Freiheit nahmen, aus dem, was vorhanden war, etwas Eigenes zu schaffen. Heimat lag plötzlich nicht in einer bestimmten Zutat, nicht im richtigen Mehl oder dem authentischen Rezept, sondern in der Fähigkeit, zusammen etwas zu schaffen.
Vielleicht ist es die wahre Freiheit, dass Heimat sich nicht auf eine Zutat begrenzen lässt, sondern aus der Kunst hervorgeht, miteinander Neues zu schöpfen und es in jedem Biss zu schmecken.